kaliber .38 - krimis im internet

 

Wörtches Crime Watch 10/2005

 

Robert Nippoldt: Gangster. Die Bosse von Chicago

 

Gangster Was für ein wunderschöner Prachtband! »Gangster. Die Bosse von Chicago« heißt ein handwerklich perfektes Bilderbuch von Robert Nippoldt. Leineneinband, schöne, sorgfältige Bindung, ausgefallenes Hoch- und Großformat, ein beigehefteter Bilderbogen, vom Autor selbst verantwortete und phantasievolle, hübsche Typographie, ein Gesamtkunstwerk comme il faut. Im krassen Gegensatz zur feinen Aufmachung steht das brutale Sujet. Nippoldt porträtiert in eleganten schwarz-weiß-roten Illustrationen die mythischen Namen der Gangster-Szene aus dem Chicago der zwanziger und dreißiger Jahre: Von Big Jim Colosimo bis zu Alphonse Capone bekommen wir sie alle vorgestellt. Und ihr erreichtes Lebensalter, die Anzahl ihrer Morde und ihr Jahreseinkommen gleich mit. Die irren Genna-Brüder, der schmierige Jack Zuta, der fröhliche Mörder Bugs Moran, der neurotische Hymie Weiss oder das Finanzgenie Greasy Thumb Guznik - sie alle sind in der Galerie der berühmtesten und durch Literatur, Film und Fernsehen populärsten Strolche der "Unterwelt" versammelt. Den genius loci bebildert Nippoldt mit edlen Panoramen vom St. Valentine Day's Massacre, Stadtansichten von Chicago und einer Revierkarte der einzelnen Turfs der Gangs.

Garniert ist das üppige Bildwerk mit Texten, die Nippoldt aus den einschlägigen Quellen und Studien zur Zeit extrahiert hat, vor allem aus Laurence Bergreens maßgeblicher Capone-Biographie und allerlei Cosa-Nostra-Devotionalien mehr. Hervorgehoben sind ein paar der kessesten Gangster-Zitate aller Zeiten: "Ich mache mein Geld, indem ich eine öffentliche Nachfrage befriedige. Alle nennen mich einen Gangster. Ich nenne mich einen Geschäftsmann" (Al Capone) oder: "Den Spaghettis kannst Du sagen, sie können mich mal!" (Dion O'Banion). Und einschlägigen Filmen von Scarface bis zu The Untouchables wird artig Reverenz erwiesen.

Das alles ist so sympathisch, so sinnenfreudig, so gekonnt, so liebevoll gemacht, dass man nach dem Durchblättern das Buch zur Seite legt und sich fragt: Und nun? Und nach einigem Nachdenken: Was soll's?

Dann erinnert man sich, dass es vor einiger Zeit das Projekt des Malers und Ausstellungsmachers Oz Almog gegeben hat, der für eine Ausstellung im Jüdischen Museum von Wien eine ähnliche Galerie von Gangstern versammelt hatte: Kosher Nostra hieß das Projekt und Almog porträtierte die jüdischen Gangster von Arnold Rothstein bis Meyer Lansky gar in Öl. Das war immerhin eine Provokation, denn im Gegensatz zu ihren italienischen, sizilianischen oder irischen Kollegen wurden die Kosher-Nostra-Leute nie als Protagonisten einer Kultur des Organisierten Verbrechens wahrgenommen, höchstens als Randfiguren oder Sidekicks. Prompt gab es auch böse Stimmen gegen die Wiener Ausstellung, weil es dort ein Jude gewagt hatte, nicht so schöne, aber sehr menschliche Aspekte des amerikanischen Gangstertums und des Judentums zu artikulieren. Almogs bewusst altväterlich angelegte Ölbilder waren so gesehen das sarkastisch gebrochene, aber auch selbstbewusste Nachholen einer sinistren Traditionsstiftung.

Solche Dimensionen gehen dem Projekt von Nippoldt völlig ab. Er bietet uns eine nette Gangster-Galerie und zementiert damit den bequemen Denkansatz, demzufolge es once upon a time in America eine besonders pittoreske Unterwelt gab, die längst verloschen ist, weil man sie erfolgreich bekämpft hat. Big Jim Colosimo und Alphonse Capone waren aber für die gesamte Geschichte der USA - für ihre Wirtschaftsgeschichte, ihre Sozialgeschichte, ihre Kulturgeschichte - nicht annähernd so entscheidend wie Lucky Luciano oder Meyer Lansky, die die bis heute unauflösbare politische, ökonomische und moralische Verflechtung der USA mit der Organisierten Kriminalität strategisch betrieben haben. Und selbst innerhalb dieser nicht interesselosen Folklore, die dennoch immer noch die Breitenwahrnehmung von Verbrechen und dem Kampf gegen das Verbrechen steuert, wirkt die unterschiedslose Inszenierung von Bossen und schäbigen, kleinen Totschlägern irgendwie nichtssagend und leer. Ein klein wenig Reflektion, ein klein wenig Bewusstsein hätte der Opulenz des Bandes keinen Abbruch getan. Im Gegenteil. Was ist das Schwelgen in schönen Bildern vom Scheußlichen gegen die Wollust gebrochener Darstellung mit Erkenntnisgewinn. So bleibt etwas zweifelsohne ästhetisch Gelungenes letzlich dann doch nur nur Schall und Rauch.

Robert Nippoldt: Gangster. Die Bosse von Chicago. Hildesheim: Gerstenberg, 2005, 145 S., 39.90 Euro (D)

 

© Thomas Wörtche, 2005

 

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