kaliber .38 - krimis im internet

 

Wörtches Crime Watch 07/2002

 

Jenny Siler: »Schnelle Beute« und »Auf dünnem Eis«

 

Auf dünnem Eis Beinahe wäre sie in den Bücherfluten untergegangen: Jenny Siler, Erzählerin aus den USA und im Moment eine der wenigen starken, neuen Stimmen der Kriminalliteratur. Zwei Bücher gibt es bis jetzt von ihr auf deutsch: »Schnelle Beute«, ihr Erstling von 1998 und das bekanntlich (oder doch nur anscheinend?) schwierigere zweite Buch, »Auf dünnem Eis« von 2001. Ernstzunehmende, laute Jubelschreie habe ich in Deutschland ausser von Gaby Fauser und Jan Christian Schmidt - »Glatteis«-Buchhändlerin in München die eine und Macher des Internetmagazins »Kaliber38.de« der andere - noch nicht gehört. Und das ist betrüblich, wenn es auch einer ziemlich üblen Logik folgt. Denn Jenny Siler schreibt Romane, die in die derzeitige Vorstellung von »Krimi«, »Thriller« oder sonstdergleichen nicht passen. Sie hat keine netten Heldin, respektive Heldinnen: Alison Kerry in »Schnelle Beute« ist Kurierin für alles, was illegal ausgeliefert werden muss und ein Ex-Junkie; Meg Gardner aus »Auf dünnem Eis« ist Repo-Frau (das sind die Leute, die überschuldeten Menschen die Autos, Fernseher und Stereonanlagen wieder abnehmen, notfalls mit eher robusten Mitteln) und kommt aus dem Knast. Beide sind low lifer, white trash, autonom und vor allem durchaus nicht von Gewaltverzicht geprägt. Solche Typen sind vermutlich nach Huren als obsiegende Hauptfiguren das Schlimmste was man Leserinnen beiderlei Geschlechts zumuten kann. Gegenbilder setzt Jenny Siler nicht: Korrupte Politiker, besoffene native Americans, schmierige Dealer, rauschgiftsüchtige Transen und verzweifelt unfähige Kleinganoven sind das Milieu, in dem sich Silers Ladies bewegen müssen. Was bekanntlich immer den empörten, vorauseilenden Protest: »Also, ich kenne solche Leute nicht« provoziert.

Zudem sind Silers Schauplätze nicht schick, mondän oder reiseführer-relevant: Das flache Land der USA und die Sümpfe in Florida, dort, wo sie nicht pittoresk sind, im ersten Buch; und ein eiskaltes, dunkles und heruntergekommenes Montana im zweiten. In diesen Gegenden gibt es keine Gemütlichkeitsfaktoren, kein Tüddeldaddel mit netten Kinderchen, keine kulturhistorischen Dauerbrenner, keine putzigen Haustiere und schon gar keine kulinarischen Jauchzer. Ausserdem wird gequalmt, was zugebenermassen für das amerikanische Publikum gerade noch ein wenig schauderhafter ist als für das unsere.

Schnelle Beute

Genauso wenig konsumentenfreudig für ein Publikum, das doch nach Leon, Mankell, Christie und Hammesfahr inzwischen genau weiss, wie »Krimi« geht, sind Silers Handlungsführungen. Alison Kerry und Meg Gardner geraten in dumme Situationen und müssen sehen, wie sie wieder herauskommen, lebend. Und nicht gegen ihren Stolz. Da gibt es keine glatte Auflösungen, kein Trostversprechen der Form, da winkt kein Prinz am Ende der Geschichte. Es geht bei Jenny Siler am Ende um Überleben - und das ist der wahre Unbehaglichkeits-Faktor an ihren Romanen, den man angesichts der Rissigkeit der westlichen Gesellschaften im Spassrausch nicht gerne unter die Nase gerieben bekommt.

Natürlich ist das nicht ganz originell und könnte leicht beim Kitsch noir enden, wenn es sich bei Jenny Siler nicht um fein gemachte Literatur handeln würde. Damit gehört sie zu einer ganzen Gruppe von wichtigen Autoren wie James Crumley, Ray Ring, Tom Kakonis etc., deren allmähliches Verschwinden vom Buchmarkt lediglich ein Beweis dafür ist, dass »der Markt« vielleicht vieles regeln kann, aber gewiss keine ästhetischen Sachverhalte, die dadurch politische werden. Weil aber die genannten Autoren keinen Formendogmatismus pflegen, kann Jenny Siler innerhalb einer gewissen Zugehörigkeit ihre eigenen Strategien ausfalten. Zum Beispiel die sorgfältige Zeichnung aller Figuren mit knappen Mitteln, die virtuose Rückblendentechnik in Momenten der spannendsten Action, die das Verhalten der Figuren begründen und immer wieder das Insistieren mit literarischen Mitteln darauf, dass die Vergangenheit für Individuen und Gesellschaft gleichermassen konstitutiv wichtig ist.

Jenny Siler ist eine grosse Erzählerin.

Jenny Siler: Schnelle Beute. (Easy Money, 1999) Dt. von Kristian Lutze. München: Goldmann Tb 2001, 250 Seiten, 7.50 Euro (D)
Jenny Siler: Auf dünnem Eis. (Iced, 2001). Dt. von Doris Styron. München: Goldmann Manhattan, 2002. 249 Seiten, 9.00 Euro (D)

 

© Thomas Wörtche, 2002

 

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