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Charles Willeford

 

High Priest of California Charles Willeford wird am 02. Januar 1919 in Little Rock, Arkansas, geboren. 1921 zieht die Familie nach Los Angeles. Ein Jahr später stirbt sein Vater, fünf Jahre danach seine Mutter, beide an Tuberkulose. Charles Willeford wächst in Internaten und später bei seiner Großmutter auf. Die bittere Armut Anfang der Dreißiger zwingt den gerade mal vierzehnjährigen Jungen auf die Straße: Willeford zieht ein gutes Jahr als Landstreicher durch die Gegend. Von seinen Erlebnissen als junger Hobo berichtet er in seiner Autobiographischen Erzählung I Was Looking For a Street, 1988.

Mit Sechzehn Jahren verpflichtet er sich bei der Army, in der er mit kurzen Unterbrechungen die nächsten 25 Jahre verbringt. Während des zweiten Weltkrieges ist er meistens in Europa: Er wird mehrfach verwundet und erhält für seinen soldatischen Leistungen diverse Auszeichnungen. Willeford sagte über die Army, sie gleiche einem Gefängnis, weil in beiden Institutionen mindestens die Hälfte Psychopathen seien - jene Figuren, die er in seinen späteren Romanen immer wieder porträtiert.

Whip Hand 1950 ist Willeford auf der Hamilton Air Force Base in Kalifornien stationiert. An den Wochenenden mietet er sich in einer billigen Absteige in San Francisco ein und schreibt an seinen Texten. Welches nun wirklich Willefords erster Roman ist, ist umstritten. Wahrscheinlich arbeitete er gleichzeitig an zwei Manuskripten, eines davon - »Whip Hand« - eine Koproduktion mit W. Franklin Sanders. »Whip Hand« findet keinen Anklang und wird von diversen Verlegern abgelehnt. Willeford konzentriert sich auf sein zweites Projekt, der Roman »High Priest of California«, der 1953 erscheint. Das Buch erzählt die bizarre Geschichte von Russel Haxby, "ein obsessives Macho-Arschloch, das seine eigene Auffassung vom American-Way-of-Life zelebriert und Spaß daran hat, seine Mitmenschen zu manipulieren." (Frank Nowatzki). Haxby ist ein erfolgreicher, schmieriger Gebrauchtwagenhändler, der in seiner Freizeit James Joyce's Ulysses überarbeitet und Stunden damit verbringt, "veraltete Ausdrücke aus dem Text zu nehmen und durch heute gebräuchliche zu ersetzen.". In einer Tanzhalle trifft Haxby auf die unbedarfte Alyce Vitale, die er samt ihres pflegebedürftigen, syphilitischen Ehemanns in die Katastrophe stürzt, weil er Sex mit ihr haben will, an dem ihm im Grunde selbst nichts liegt.

»Whip Hand«, etwa zur gleichen Zeit entstanden wie »High Priest of California«, erscheint 1961 bei Gold Medal, rund zehn Jahre nach Vollendung des Manuskripts. Das Cover weist nur W. Franklin Sanders als Verfasser aus und Willeford selbst hat nie seine Ko-Autorenschaft an dem Buch reklamiert. Erst nach Willefords Tod findet sich in seinem Nachlass ein Manuskript mit dem Titel »Deliver Me from Dallas«, das frappierende Ähnlichkeiten mit »Whip Hand« aufweist. Willeford-Kenner haben die beiden Werke Satz für Satz verglichen und die Zusammenarbeit von Sanders und Willeford entdeckt. Die Version, die 1961 bei Gold Medal erschienen war, hatte Sanders im Alleingang nochmals überarbeitet und ist - so die einhellige Meinung - die schlechtere Version.

Wild Wives In den 50er Jahren erscheinen mehrere Romane Willefords, zumeist in klassischen Pulp-Verlagen. Sein Leben verläuft unstetig - er lässt sich scheiden und heiratet erneut. Mehrfach quittiert er seinen Army-Dienst und verpflichtet sich ein paar Monate später wieder. Er wird mit Depressionen im Krankenhaus behandelt und lebt - meist für nur kurze Zeit - an diversen Orten, bis er Mitte der 50er Jahre in Palm Beach in Florida landet. Es folgen weitere Romane, aber erst 1961 verläßt er die Army endgültig. In Miami studiert Willeford Englische Literatur, ab 1964 lehrt er selbst. Der große literarische Durchbruch gelingt ihm erst 1984 mit dem ersten Hoke-Moseley-Krimi Miami Blues. Sergeant Hoke Mosely von der Mordkommission in Miami ist einer der eigenwilligsten Antihelden der neueren Kriminalliteratur: Er ist übergewichtig und ein wenig tumb und trägt ein Gebiss, das ihm öfter abhanden kommt. Er ist sexuell unterversorgt, ständig pleite und hat obendrein zwei halbwüchsige Töchter und eine Ex-Frau mit horrenden Unterhaltsforderungen am Hals. Bei der Lösung seiner Fälle springen ihm die toughe Partnerin Ellita und - nicht selten - der schiere Zufall zur Seite.

Miami Blues wird der bis dato größte kommerzielle Erfolg für Willeford. Von seinem Verleger zu einer Fortsetzung gedrängt, soll Willeford ein Manuskript mit dem Titel Grimhaven geschrieben haben, in dem Hoke Moseley seine beiden Töchter umbringt und in der Dusche in seinem heruntergekommenen Hotelzimmer versteckt. Das Manuskript wurde - selbstredend - nie veröffentlicht.

Charles Willeford starb 1988. Er wurde auf dem Nationalfriedhof in Arlington begraben.

 

Proletarian Laughter
(Poems)
[Yonkers, N.Y. : Alicat Bookshop Press, 1948]
1948
High Priest of California
[New York: Beacon, 1953]
1953 Der Hohepriester (1)
[Berlin: Maas Verlag, 2001]
Pick Up
[New York: Beacon, 1955]
[London: Softcover Library, 1967]
1955 Sperrstunde
[Frankfurt/M.: Ullstein, 1990]
High Priest of California / Wild Wives
[New York: Beacon, 1956] (2)
[London: Gollancz, 1990]
1956
The Black Mass of Brother Springer
[Berkeley: Black Lizard, 1989]
[New York: Beacon, 1958 unter dem Titel »Honey Gal«]
1958 Die Schwarze Messe
[Berlin: Maas Verlag, 2005]
Lust is a Woman
[New York: Beacon, 1958]
[London: Softcover Library, 1967 unter dem Titel »Sex is a Woman«]
1958
The Woman Chaser
[Chicago: Newstand Library, 1960]
1960
Whip Hand
(mit W. Franklin Sanders) (3)
[Greenwich, CT: Gold Medal, 1961]
[Sun City, AZ: Dennis McMillan, 2001 unter dem Titel Deliver Me from Dallas]
1961
Understudy for Love
[Chicago: Newstand Library, 1961]
1961
No Experience Necessary (4)
[Chicago: Newstand Library, 1962]
1962
Cockfighter (5)
[Chicago: Paperback House, 1962]
1962 Hahnenkampf
[Frankfurt/M.: Ullstein, 1990]
The Machine in Ward Eleven
(Short Storie)
[New York: Belmont, 1963]
1963
Poontang and other Poems
(Self-published)
[Crescent City FL: Privately Printed/New Atheneum Press, 1967]
1967
The Burnt Orange Heresy
[New York: Crown, 1971]
1971 Ketzerei in Orange
[Berlin: Maas Verlag, 2005]
[Frankfurt/M.: Ullstein, 1991 unter dem Titel »Die Kunst des Tötens«]
The Hombre from Sonora
(als Will Charles)
[New York: Lenox Hill Press, 1971]
[Tucson: Dennis McMillan, 1999 unter dem Titel » The Difference«]
1971
A Guide for the Undehemorrhoided
(Short account, self-published)
[Boynton Beach, FL: Privately Printed/Star Publishing Co., 1977]
1977
Off the Wall
(Sachbuch)
[Montclair, NJ: Pegasus Rex, 1980]
1980
Something about a Soldier
(autobiographische Erzählung)
[New York: Random House, 1986]
1986
Kiss Your Ass Good-Bye (6)
[Miami Beach, Fl: Dennis McMillan, 1987]
[London: Gollancz, 1989]
1987 Miami Love
[Reinbek: Rowohlt, 1993]
Everybody's Metamorphosis
(Short Stories)
[Missoula, MT: Dennis McMillan, 1988]
1988
I Was Looking For a Street
(Autobiographische Erzählung)
[Woodstock, VT.: Countryman Press, 1988]
[London, Edinburgh: Polygon, 1991]
1988 Ein Leben auf der Straße
[Reinbek: Rowohlt, 1995]
Cockfighter Journal: The Story of a Shooting (7)
[Santa Barbara: Neville, 1989]
1988
The Shark-Infested Custard
[Novato, CA & Lancaster, PA: Underwood-Miller, 1993]
[Edinburgh: Canongate, 2000]
1993 Playboys in Miami (8)
[Reinbek: Rowohlt, 1994]
The Second Half of the Double Feature
(Collection)
[Seattle, WA (?): Wit's End Books, 2003]
2003

 

(1)  Der Roman ist enthalten in der Pulp-Anthologie »Antihero«, herausgegeben von Frank Nowatzki.
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(2)  Ein Sammelband, aber die Erstausgabe von »Wild Wives«.
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(3)  Auf der Originalausgabe von Whip Hand wird nur W. Franklin Sanders als Autor angegeben. In Willefords Nachlass fand sich ein Manuskript, das nahezu identisch mit dem Buch ist. Willeford-Experten gehen davon aus, dass Sanders Anteil an dem Werk verschwindend gering ist, sofern er überhaupt etwas zu dem Buch beigetragen hat. »Charles Willeford als W. Franklin Sanders« käme der Sache wohl näher als die Formulierung »Charles Willeford mit W. Franklin Sanders«.
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(4)  No Experience Necessary sollte unter dem Titel Nothing under the Sun erscheinen. Willeford's Lektor hat einige Teile des Buches ohne Wissen des Autoren umgeschrieben. Willeford selbst hat die geänderte Version des Buches abgelehnt.
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(5)  1972 erschien eine leicht überarbeitete Ausgabe als Hardcover.
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(6)  Kiss your Ass Good-Bye ist ein in sich abegeschlossener Teil des Romans The Shark-Infested Custard, den Willeford 1975 vollendet hatte; der Roman wurde aber erst nach Willefords Tod 1993 veröffentlicht.
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(7)  Autobiographischer Bericht über die Verfilmung seines Romans Cockfighter, für die Willeford das Drehbuch geschrieben und in einer kleinen Rolle mitgewirkt hatte.
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(8)  »Playboys in Miami« ist laut Impressum die Übesetzung von »The Shark-Infested Custard«. Original und Übersetzung variieren allerdings erheblich. Dazu der Experte Michael Kersten:

"Playboys im Miami (rororo #3153) ist laut Impressum The Shark-Infested Custard, copyright 1993. Gesamtlänge des TBs 154 Seiten. Nun hat The Shark-Infested Custard im Original (bei Amazon bei einer HC-Ausgabe angegeben) 263 Seiten; bei werkgetreuer Übersetzung dürften das so etwa 320 bis 340 Seiten ergeben... natürlich vorbehaltlich gleicher Schriftgröße, aber das ist bei dieser Differenz wohl egal. Die Rowohlt-Ausgabe (#3153) hat ungefähr die Hälfte davon, ist also - auch weil in der Inhaltsangabe auf #3107 hingewiesen wird - offensichtlich das, was von The Shark-Infested Custard übrigbleibt, wenn man Kiss Your Ass Goodbye bewußt wegläßt.".

Korrekt wäre es demnach, »Miami Love« und »Playboys in Miami« zusammen als Übersetzung des Romans »The Shark-infested Custard« zu bezeichnen.
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Hoke Moseley:
Miami Blues
[New York: St. Martin's, 1984]
[London: Macdonald, 1985]
1984 Miami Blues
[Berlin: Alexander Verlag, 2002]
[Reinbek: Rowohlt, 1994]
[Frankfurt/M.: Ullstein, 1987]
New Hope for the Dead
[New York: St. Martin's, 1985]
[London: Futura, 1987]
1985 Neue Hoffnung für die Toten
[Berlin: Alexander Verlag, 2002]
[Reinbek: Rowohlt, 1994]
[Frankfurt/M.: Ullstein, 1988 unter dem Titel »Auch die Toten dürfen hoffen«]
Sideswipe
[New York: St. Martin's, 1987]
[London: Gollancz, 1988]
1987 Seitenhieb
[Berlin: Alexander-Verlag, 2003]
[Reinbek: Rowohlt, 1996]
[Frankfurt/M.: Ullstein, 1988]
The Way We Die Now
[New York: Random House, 1988]
[London: Gollancz, 1989]
1988 Wie wir heute sterben
[Berlin: Alexander-Verlag, 2003]
[Reinbek: Rowohlt, 1996 unter dem Titel »Bis uns der Tod verbindet«]
[Frankfurt/M.: Ullstein, 1990 unter dem Titel »Bis uns der Tod verbindet«]

 

Weitere Informationen zu Charles Willeford finden Sie unter
http://dennismcmillan.com/charleswillefo/index.html

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© j.c.schmidt, 2000 - 2004

 

 

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